3000 Jahre vor uns und 12 Jahre hinter uns

 

(12 Jahre, weil von mir am 30.10.2021 hier veröffentlicht)

 

Umgedrehte Zeit?

 

Wir sind gewohnt die Zeit als einen Zeitstrahl zu verstehen, auf der wir in Richtung Zukunft lang marschieren. Die Zukunft liegt vor uns und hinter uns die Vergangenheit. Was wir dabei erwarten ist „Fortschritt“ und Fortschritt ist etwas Gutes. Das wünschen wir uns. Das Gegenteil davon ist Rückschritt. Aber wenn die Bahn, auf der wir uns bewegen, die Zeit ist, dann geht das eigentlich gar nicht, denn die Zeit selbst können wir nicht zurückdrehen wie bei einer Uhr. Sie geht unaufhaltsam vorwärts in nur eine Richtung unabhängig davon, was wir Menschen in ihr machen, ob wir etwas aufbauen oder zerstören.

Heute wird oft gesagt, dass es wichtig sei, zielorientiert zu arbeiten. Dazu muss ich zuerst ein Ziel bestimmen, zu dem ich hin will und das natürlich in der Zukunft liegt. Ich muss mir die nötigen Schritte und Zeiträume überlegen, in denen ich es erreichen möchte. Wenn mir das gelingt, meine ich ein gutes Ziel ausgewählt zu haben, was auch zu erreichen möglich war. Ich kann davon ausgehen, gut nachgedacht, die einzelnen Schritte richtig geplant zu haben und dann zielstrebig den Weg gegangen zu sein. Ich meine, mir gratulieren zu können, wenn das alles so klappt, und ein kluger Mensch zu sein.

Wir reden auch hier von „Schritten“, „Arbeitsschritten“ und „Fortschritt“ - mit Worten also, die ursprünglich unsere Bewegung im Raum bezeichnen. Ein Beispiel: Ich will zur Straßenbahn. Ich habe ein Ziel und gehe zielstrebig auf kürzestem Weg dorthin, indem ich einen Schritt vor den anderen setzte. Doch die Erde ist rund. Auch wenn ich in die entgegengesetzte Richtung laufen würde, käme ich irgendwann – jedenfalls theoretisch – an mein Ziel. Oder ich laufe im Kreis: gehe nach links und komme rechts, falls ich es möchte, am selben Punkt wieder an. Das sind dann allerdings nicht die kürzesten Wege zu meinem Ziel, aber ich komme an. Wie das Sprichwort sagt: „Viele Wege führen nach Rom.“ So ist auch bei unserer Bewegung im Raum „Fortschritt“ eine Illusion, nichts Objektives, sondern etwas subjektiv Bestimmtes wie die Bewegung in der Zeit, mit dem Unterschied, dass es bei der Zeit nur eine Richtung gibt.

Was aber passiert, wenn ich den Fluss der Zeit umgekehrt ansehe, also mir vorstelle, mich einfach mal umzudrehen, so dass die Zukunft dann hinter mir liegt, hinter meinem Rücken? So verschwindet die Illusion, dass ich sie sehen / voraussehen könnte. Stattdessen liegt die Vergangenheit nun vor mir.

Ein kleines Kind sieht dabei vor sich von der Zeit nur ganz wenig. So wirkt sie als sehr lang - das eine Jahr, was es erlebt hat, dann das nächste und übernächste. Es lernt in dieser Zeit sehr viel und wächst, so dass es von seinem Standort aus immer mehr sieht, was da vor ihm liegt. Dazu hört es vieles durch das Erzählen der anderen. Was es über Vergangenes erfährt, wird immer mehr. Dadurch schrumpfen unablässig die ein, zwei, drei langen Jahr vom Anfang, einfach weil das Kind nun mehr und mehr im Blick hat.

So geht es im Leben weiter. Ich habe den Eindruck, dass die Jahre immer schneller vergehen. Je mehr es sind, die ich überblicke, um so häufiger muss ich nachdenken, wann was war und mich mit anderen darüber austauschen, ob ich das noch richtig weiß. Das Erlebte und Erfahrene verschwindet immer weiter in der Ferne. Falls ich mich dafür interessiere, was in den Jahren war, die ich noch nicht selbst erlebt habe, für die Geschichte und andere Länder, richtet sich mein Blick immer mehr in die Ferne.

Mir wird deutlich, wie lang so ein Menschenleben ist und auch mein eigenes werden könnte und was man für auf und ab man dabei erlebt, eben nicht nur Fortschritt, sondern auch schlimmste Katastrophen und Verbrechen, meist aufgrund von menschlichem Größenwahn entstanden. Wenn mich nicht nur Technik, sondern auch die Menschen interessieren, kann ich mich durch zahllose Biographien informieren. Diese Menschen werden für mich wie Bekannte werden. Einige werden mir ans Herz wachsen, vor allem jene, denen zu ihrer Zeit Unrecht geschah, und solche, die sich sehr für andere eingesetzt haben, aber denen das nicht oder nicht entsprechend gedankt wurde.

Auch werde ich meine Wurzeln spüren, als das, was mein Leben heute prägt, meine Familie, unsere Sprache, die Geschichte unserer Gesellschaft. Ganz viel kann ich entdecken und auf das Heutige beziehen.

Wenn ich nun an das denke, was bei einer solchen Betrachtung des Zeitlaufs hinter mir liegt, die Zukunft, werde ich vorsichtig sein, denn wenn ich ihr entgegengehen will, muss ich versuchen, rückwärts zu gehen, tastend, denn ich sehe ja nicht, was dort mich erwartet. Doch eigentlich kann ich das gar nicht und muss es darum auch nicht versuchen, denn die Zeit quillt ja sozusagen jeden Tag wieder unter meinen Füßen hervor, die Zeit, die gerade wieder verflossen und zur Vergangenheit geworden ist. Auch wenn ich gar nichts tue, wird die Vergangenheit vor mir, die ich überschaue immer mehr.

Aber das So-gar-nichts-Tun, bringen wir meist nicht fertig. Wir kochen Mittag, um es dann zu essen, wir nehmen uns vor, morgens aus dem Haus zur Schule oder zur Arbeit zu gehen und es klappt ja allermeist, bis auf die wenigen Fälle, in denen etwas dazwischen kommt: eine Krankheit, so dass ich nicht wie gewohnt aufstehen kann, ein Stromausfall, so dass die Straßenbahn nicht fährt und ich zu spät komme u.u.u. Weil es meistens in der Zukunft „normal“ zu geht und ich das, was ich gewohnt bin zu tun, auch tun kann, haben wir Vertrauen, dass es gelingt, auch wenn wir wissen, dass alles Mögliche „dazwischen“ kommen kann.

Dass Unerwartetes passieren kann, wiederum liegt daran, dass es viele Akteure gibt, die wir, da die Zukunft hinter unserem Rücken liegt, nicht alle vorher einkalkulieren können und die uns unter Umständen dazwischen funken: seien es andere Menschen, seien es Viren oder Bakterien, die wir auch nicht gesehen hätten, wenn wir uns hätten umdrehen können, weil sie einfach zu klein sind – oder weil etwas zu schnell ist, wie eine Nachricht über das Internet vom anderen Ende der Welt.

Ich meine, dass diese umgekehrte Sicht der Zeit etliche Vorteile hat:

  • Sie erklärt, warum für ein Kind ein Jahr so unendlich lang ist und dass das Jahr immer schneller vergeht, je älter man wird.

  • Sie hilft zu verstehen, warum alte Menschen oft sehr viel von dem erzählen, was für Jüngere in weiter Ferne liegt, nämlich über ihre Kindheit und Jugend, während das, was gerade geschehen ist, an Aufmerksamkeit verliert und darum schnell vergessen wird.

  • Sie verhindert, dass wir uns Illusionen über die Zukunft machen und darüber, wie wir sie beeinflussen, steuern und nutzen könnten, dass wir uns Ziele setzen, und ihr Erreichen oder Nichterreichen dann als persönlichen Erfolg oder Misserfolg werten und all die übrigen Akteure aus dem Blick verlieren, die für uns Unsicherheitsfaktoren sind.

  • Sie rückt ins rechte Licht, was wir wirklich wissen und verstehen können, nämlich die Vergangenheit, das bisher Geschehene, um auch uns selbst besser zu verstehen.

  • Sie verhindert, dass wir die Vergangenheit, die nicht mehr zu ändern sei, abhaken und meinen, sie vergessen und neu anfangen zu können. Nun in der Zukunft würden wir alles besser machen. Wir würden aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, Schuld wieder gut machen und sie auf keinen Fall wiederholen. Auch das ist eine Illusion, wie es die Stunde Null nach dem Krieg für uns Deutsche 1945 war.

Wir können durch die Kenntnis der Vergangenheit versuchen, Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, was den Stand und die Bewegung der Sterne und unser Klima betrifft. Je mehr Faktoren aber auf ein Ereignis einwirken, je komplexer ein Geschehen ist, je weiter es von uns entfernt ist, desto schwieriger ist das1. Falls wir meinen, eine solche Konstante entdeckt zu haben und sie vielleicht sogar vorausberechnen können, wie Tage und Jahre, können wir auch ein Bild von der Zukunft zeichnen. So werden unsere Kalender schon seit uralter Zeit berechnet.

Durch das Abschreiben einer alten Predigt von mir aus dem Jahr 1987 über Jesaja 2,1-5 kam ich jetzt auf die Idee über die Vergangenheit vor uns und die Zukunft hinter uns nachzudenken. Damals hatte ich durch das Übersetzen des hebräischen Textes entdeckt, das dort dieses Verständnis vorausgesetzt wird. Nun suchte ich im Internet danach und fand in dem einleitenden Artikel zum 25. Jubiläum eines Ruderclubs folgende Bemerkung von Matthias Kraus: „Mir hat hierzu ein Theologe erklärt, dass die Perspektive eines Ruderers analog zum Zeitverständnis der Juden gesehen werden kann. In der jüdischen Kultur hat man die Vergangenheit vor sich (und wertschätzt sie) und bewegt sich mit dem Rücken zur Zukunft vorwärts – 'Juden rudern durch die Zeit, während andere durch sie paddeln'.“2

Auf der Webseite der Katholischen Gemeinde St. Severin in Köln schreibt Diakon Dr. Barthel Schröder zu Beginn seiner Andacht für den Pfarrbrief im Jahr 2017:  

„Die hebräische Sprache und damit das Alte Testament kennt nur zwei Zeitformen:
Vergangenes und Zukünftiges. Die Gegenwart ist quasi nur die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Was jetzt gegenwärtig ist, ist im nächsten Moment schon Vergangenheit.

Ein weiterer Blickwinkel im Denken von Zeit kommt hinzu. Während wir die Vergangenheit 'hinter' uns haben und die Zukunft 'vor' uns, hat der alttestamentliche Mensch die Vergangenheit' vor" seinen Augen und liegt die Zukunft, da noch nicht gewesen, 'hinter' ihm.

Diese total andere Sicht von Zeit und Zeiten hat zur Konsequenz, dass der Vergangenheit als Ort der Sammlung von Erfahrungen in der Bibel eine besondere Bedeutung zukommt.“3

In den Artikeln über das Zeitverständnis der Juden fand ich dagegen nichts zu diesem Aspekt, fühle mich aber angesichts dieser beiden Bemerkungen doch in meiner eigenen Sichtweise bestärkt: Die Zukunft hinter, die Vergangenheit vor uns!



1Daniel Kahnemann schildert in  "Schnelles Denken, langsames Denken", München 2014, S. 303 ff wie er und seine Kollegen ein Lehrbuch für den Schulunterricht über Urteils- und Entscheidungstheorie an Highschools erarbeiten wollten und dafür mit einer Zeit von 2 Jahren rechneten. Tatsächlich dauerte es acht Jahre und dann hatte das Bildungsministerium in Israel kein Interesse mehr. Obwohl es sich also um Spezialisten handelte, die uber Fehler beim Planen forschten, machten sie selbst gravierenden Planungsfehler.

2 https://angaria.de/index.php/2020/07/28/vor-uns-die-vergangenheit/: Rudergemeinschaft Angaria Hannover e.V. Altherrenschaft „Vor uns die Vergangenheit – Ein Rückblick auf 25 Jahre Pfingstwanderfahrten“, veröffentlicht am 28. Juli 2020 vom Medienwart - – Zugriff am 29.8.2021